Es ist demnächst 100 Jahre her, dass die Darmnosoden in der homöopathischen Welt eine erste größere Aufmerksamkeit bekamen – 1927 auf dem Internationalen Homöopathischen Ligakongress, vorgestellt von Dr. Edwar Bach. „Ich wünschte, es wäre möglich, Ihnen sieben Pflanzen statt sieben Gruppen von Bakterien zu präsentieren, denn es scheint immer noch Vielen zu widerstreben, etwas bei der Behandlung krankhafter Zustände einzusetzen, was selbst mit Krankheit in Zusammenhang steht.“ So äußerte sich Dr. Edward Bach zu den Darmnosoden, die er als Bakteriologe entwickelt hatte – der Dr. Bach, der später tatsächlich auszog, um seine Bachblüten zu finden.
Heute nun erleben die Darmnosoden in der Homöopathie eine zunehmende Beachtung. Wie wichtig die Darmgesundheit für den allgemeinen Gesundheitszustand ist, ist länger bekannt, wird in der Medizin mehr und mehr zum Thema. Prä- und Probiotika erfreuen sich großer Beliebtheit. Der homöopathische Einsatz der Darmnosoden ist aber viel mehr als das.
Ihre Anwendung will gut studiert und gelernt sein. Unverzichtbar ist dazu gute Literatur. Denn wenn man die Darmnosoden studiert, kommt man schnell in Verwirrung, weil sie sich in Vielem ähneln und es anfangs schwerfallen kann, sie zu differenzieren. Drei Standardwerke werden hier vorgestellt, von Wolfgang Mettler, John Saxton und Aleksandar Stefanovic. Die Hilfestellung der Autoren beinhaltet die Assoziierung mit bekannten homöopathischen Mitteln, die miasmatische Einordnung, tabellarische Übersichten, geheilte Symptome und praktische Fallbeispiele.
Das erste Buch zum Thema erschien schon 2000 in der Schriftenreihe Clemens von Boenninghausen. Es ist geschrieben von Wolfgang Mettler (1934 bis 2005), Tierarzt und Heilpraktiker, Schüler von Mathia Drocsi, dem er sein Buch widmete. Später war er selbst Dozent, Leiter von Arbeitskreisen und Leiter der Clemens von Boenninghausen Akademie. Sein homöopathischer Schwerpunkt war dabei die Miasmatik.
Seine Zusammenstellung ist durchdacht, übersichtlich und detailliert. Er erläutert die Entstehung der Darmnosoden als nicht Laktose fermentierende Bakterien (NLFB). Das sind Spezies, die nicht Laktose, sondern andere Zucker abbauen.
Sehr klar formuliert Mettler eine grundsätzliche Überlegung über die Aufgabe der Darmbakterien im Organismus. Er nennt sie die „Aufräumer“, die zutage treten, wenn der Organismus entsprechend disponiert ist. Es ist für die homöopathische und ganzheitliche Sichtweise bedeutsam, dass die Bakterien nicht als Krankheitsverursacher betrachtet werden. Daraus ergeben sich wichtige grundsätzliche Überlegungen über den Umgang mit den Darmnosoden.
Mettler geht auf Dr. Bach ein, der sich zunächst als Bakteriologe mit den Darmnosoden beschäftigte und erst im Lauf seiner Forschung mit der Homöopathie in Berührung kam. Dadurch entwickelte er er sein Verständnis bedeutsam weiter. Ein wunderbares, sehr langes Zitat von Dr. Bach über seine Verehrung der Homöopathie steht gleich in der Einleitung von Mettlers Buch.
Das allein ist eine Perle: „Ich kann Ihnen unmöglich ausdrücken, wie tief mich die Wissenschaft, der Homöopathie und ihre Erfolge beeindruckt hat... Als einer, der genug von der Medizin kennengelernt hat, um Werte zu erkennen…, möchte ich meine allopathische Opfergabe auf dem Altar ihrer Wissenschaft darbringen und aussagen, dass sie Heilungen erzielen, die vom größten Teil unseres Berufstandes nicht einmal erträumt werden. ... Es erscheint gleichermaßen unglaublich, dass ein medizinischer Wissenschaftler das Organon Hahnemanns liest, ohne zu erkennen, dass er das Werk eines großen Meisters vor sich hat.“
Mettler stellt auch sehr schön heraus, welche Rolle Elizabeth Paterson, die Frau von Bachs Kollege John Paterson in der gemeinsamen Entwicklungsarbeit gespielt hat. Sie war es, die die erste Liste von Symptomen aus klinischen Fällen zusammenstellte. Für nachkommende Homöopathie-Generationen wichtig, da wir in der Praxis mehr mit den Symptomen als mit Laborergebnissen arbeiten können. Bis heute stammt bei den Darmnosoden das Mittelbild nicht aus den klassischen Arzneimittelprüfungen am Gesunden, sondern von den klinischen Beobachtungen am Kranken.
Mettler macht auch klare und differenzierte Angaben zu den Potenzen, Dosierungen und Gabenwiederholungen. Insgesamt beschreibt er mit Arzneimittelbild und Fallbeispielen 12 Bach-Paterson Darmnosoden und 5 später von französischen Homöopathen entwickelte Nosoden pathogener Darmkeime. Für 9 Nosoden listet er die assoziierten homöopathische Mittel und ihre miasmatische Einordnung.
Die Miasmatik gehört von Anfang an zu den Darmnosoden. Sie sind tiefgreifende Mittel, vor allem für chronische Krankheiten geeignet. Mettler betont, dass es zur Verschreibung eine Familienanamnese braucht. Ihre Wirkung sei langsam, brauche Geduld und nicht zu häufige Gaben.
Die Darmnosoden –
Schriftenreihe der Clemens von Boenninghausen-Akademie, Band 22,
Verlag Müller & Steinecke, 01.01.2000
181 Seiten
ISBN 978-3-87569-158-0
€ 32
John Saxton, Autor des Buches „Die Darmnosoden in der homöopathischen Praxis“ ist ebenso wie Wolfgang Mettler Veterinärmediziner. Er betreibt eine tierärztliche homöopathische Praxis. Außerdem ist er in Lehre, Forschung und als Autor tätig. Andere Bücher von ihm sind: „Leitfaden Miasmen“ und „Lehrbuch der Veterinärhomöopathie“.
In seinem Buch, das erstmals 2009 im Narayana Verlag erschien, beschreibt Saxton noch ausführlicher als Mettler die geschichtliche und labortechnische Entwicklung der Darmnosoden und ihre Herstellung. So lautet das erste ausführliche Kapitel „Ursprung und Entwicklung“.
Wertvoll ist seine Differenzierung von Impfungen als Prophylaxe-Medizin, Darmnosoden Vaccinen als Behandlungsmaßnahme im Krankheitsfall und dem Verständnis der Darmnosoden als homöopathische Mittel. Letzteres verdanken wir dem Wechsel von Dr. Edward Bach zum Royal London Homeopathic Hospital, nachdem er als Bakteriologe zu Homöopathie gefunden hatte. Mettler berichtet von Bachs wichtigem Vortrag von 1920 zur „Beziehung der Impfbehandlung zur Homöopathie“. Auch geht Saxton auf Bachs grundsätzliche Überlegungen zur Rolle der Darmbakterien bei chronischen Krankheiten ein. Zusammen mit Dr. Wheeler hatte Dr. Bach dazu ein Buch veröffentlicht: „Chronische Krankheiten – eine Arbeitshypothese“. Darin geht es um den Zusammenhang von Chronischen Krankheiten, einer intestinalen Toxämie, der Ernährung und dem Darmmikrobiom. Das ist ein Thema, das heute noch sehr wichtig ist.
Vor allem erkannte schon Dr. Bach, dass die Darmbakterien nicht die Verursacher des Krankheitszustandes sein können, da er sie in wechselnden Phasen gehäuft im Stuhl der Patienten fand, und insbesondere besonders dann, wenn diese nach einer Arzneimittelgabe auf dem Weg der Besserung waren. Dies ist ein Umstand, der die zentrale Berücksichtigung des Milieus und homöopathisches Denken bestätigt.
In Saxtons Buch folgt dann ein Kapitel über „Praktische Überlegungen“ zum Verständnis und Einsatz der Darmnosoden. Dazu nennt er auch die assoziierten Arzneien und Miasmen. Er setzt sich ebenfalls mit der Frage auseinander, wie „homöopathisch“ eine Arznei sei, deren Arzneimittelbild nur aus der Klinik und nicht aus der klassischen Arzneimittelprüfung kommt. Und ebenso beschreibt er die unterschiedliche Betrachtungsweise beim Einsatz der Darmnosoden im Vergleich zum Gebrauch von Prä- und Probiotika oder der reinen Ernährungsumstellung. Aus homöopathischer Perspektive ist, so der Autor, der Einsatz der Darmnosode tiefgreifender und nachhaltiger. Das wird dadurch belegt, dass die Wirkung von Probiotika nach Beendigung einer Kur schnell wieder zurückfallen kann.
Das dritte Kapitel befasst sich mit der klinischen Anwendung. Die letzten 3/4 des Buches beschreiben dann die verschiedenen Darmnosoden in 11 Gruppen. Diese Gruppen folgen der Systematik von Dr. Bach und der Bakteriologie.
Zu Beginn jeder Nosoden-Beschreibung steht jeweils eine einseitige Übersicht der Symptome des betreffenden Mittels. Darüber hinaus nennt Saxton die miasmatischen Beziehungen. Er weist explizit auf den Zusammenhang zwischen Darmnosoden und Miasmen hin, ebenso wie auf die chronischen Krankheiten. Er nennt auch Akutsituationen, die nach dem Einsatz einer Darmnosode rufen. Mit den jeweiligen Darmnosoden assoziierte Arzneien sind gelistet. Zahlreiche Fälle, aus Human- und Tiermedizin ergänzen die Beschreibungen.
Die Darmnosoden in der homöopathischen Praxis
John Saxton
Narayana Verlag, 6. Auflage, 18.07.2017
240 Seiten, Hardcover
ISBN 978-3955820251
€ 34
Hat man sich eingehend mit dem Verständnis der Darmnosoden befasst, dann leistet das Buch in Pocketformat von Aleksandar Stefanovic als schnelles Nachschlagewerk in der Praxis seinen guten Dienst. Das Büchlein, erstmals erschienen 2003, beschreibt In weniger als 100 Seiten übersichtlich und kompakt die Materia Medica von 14 einzelnen Darmnosoden. In den Umschlagseiten enthält es Kurzübersichten zu Leitsymptomen des psychischen Bildes und der Nahrungsmittelunverträglichkeiten, sowie Kausalitäten der verschiedenen Darmnosoden. Er gibt eine hilfreiche Zusammenfassung der wichtigsten Leitsymptome.
Darmnosoden in der Homöopathie
Aleksandar Stefanovic
Similimum Verlag, Auflage 2023
96 Seiten,
Broschur, abgerundete Ecken
ISBN 978-3-930256-31-0
€ 9,95