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... Birgit Gnadl

Mein Herz schlägt für die Kuh

Gespräch mit der Tierheilpraktikerin und Homöopathin Birgit Gnadl

In den letzten Jahren gab es viele Diskussionen über den Einsatz homöopathischer Mittel bei Tieren. Wie ist die aktuelle rechtliche Situation?
Die rechtliche Situation für den Einsatz von Homöopathie bei Tieren ist aktuell in einem Wandel begriffen, insbesondere seit Inkrafttreten der neuen EU-Tierarzneimittelverordnung (VO (EU) 2019/6) im Januar 2022. Diese ersetzt die frühere nationale Tierarzneimittelgesetzgebung weitgehend und regelt die Anwendung von Arzneimitteln bei Tieren EU-weit einheitlich.

Tierhomöopathen und Tierheilpraktiker dürfen in Deutschland homöopathische Arzneimittel anwenden, wenn diese entsprechend registriert sind (z.B. „ad us. vet.“).  

Seit wann setzt Du Homöopathie bei Tieren ein und wie hat sich Deine Arbeit im Laufe der Zeit verändert?
Ich arbeite seit über 30 Jahren mit Tieren, vor allem mit Nutztieren – und das in enger Zusammenarbeit mit Landwirtinnen und Landwirten, die bereit sind, neue Wege zu gehen. Der Einsatz von Homöopathie in der Tierhaltung war damals noch etwas sehr Ungewöhnliches.

Bild: Frau Lamminger, Frau Gnadl (v.l)

Besonders im konventionellen Bereich musste ich sehr vorsichtig sein mit dem, was ich sagte – etwa über das Wesen oder gar die Seele einer Kuh. Auch Haltungsprobleme offen anzusprechen, war ein sensibles Thema. Man galt schnell als Nestbeschmutzer oder unrealistische Träumerin. Heute ist das ganz anders. Die Landwirtschaft hat sich verändert, und vor allem die Menschen. Die Bäuerinnen und Bauern, mit denen ich arbeite, sind aufmerksamer geworden – nicht nur im Umgang mit Medikamenten, sondern auch im Blick auf das Tier selbst. Durch die Homöopathie lernen sie, genauer hinzuschauen, insgesamt feiner wahrzunehmen. Sie entdecken ihre Tiere neu – als fühlende Wesen mit Bedürfnissen und Eigenheiten. Diese stille Veränderung berührt mich immer wieder. Sie macht meine Arbeit sinnhaft und lebendig.

Ich setze neben der Homöopathie ganz bewusst auch auf vorbeugende Maßnahmen – die Prophylaxe in den Beständen ist für mich ein zentraler Baustein der Tiergesundheit. Dazu gehören zum Beispiel Haarmineralstoffanalysen, mit deren Hilfe sich die Versorgung der Tiere mit lebenswichtigen Mineralstoffen und Spurenelementen beurteilen lässt. Gleichzeitig geben sie Aufschluss über mögliche Belastungen mit Schadstoffen. So können wir frühzeitig reagieren – oft noch bevor Krankheitssymptome auftreten. Auch die Homöopathie selbst bietet hervorragende Möglichkeiten zur Prophylaxe. Besonders effektiv ist der Einsatz von Nosoden – homöopathisch aufbereitete Krankheitserreger. Sie helfen, das Immunsystem gezielt zu stimulieren und den Bestand widerstandsfähiger zu machen. Sehr erfolgreich sind wir zum Beispiel beim vorbeugenden Einsatz von Nosoden gegen Kälberdurchfälle, indem wir trächtige Kühe vorab behandeln. Dadurch lassen sich Krankheitsausbrüche oft deutlich reduzieren oder ganz vermeiden. Die Kombination aus moderner Diagnostik wie der Haarmineralanalyse, und Klassischer Homöopathie ist für mich ein zukunftsweisender Weg, um die Tiergesundheit nachhaltig und ganzheitlich zu fördern.

Wie kam es dazu, dass Du Ausbildungen und Seminare für Landwirte anbietest? Welche Inhalte vermittelst Du dabei?
Der Impuls kam aus der Praxis – von einem Landwirt selbst. Franz Wimmer, ein engagierter Bauer aus der Region, war mit seiner Familie bereits seit längerer Zeit homöopathisch in Behandlung bei Josef Graspeuntner. Gemeinsam hatten die beiden die Vision, die Homöopathie auch in die Ställe zu bringen – dorthin, wo sie unmittelbar wirken kann. Sie wollten einen Arbeitskreis für Landwirte gründen, um dieses Wissen zu teilen. Da kam ich ins Spiel: Josef kannte ich schon, und so haben wir uns zusammengetan. Unser erstes Treffen fand im Landwirtschaftsamt in Traunstein statt. Wir hatten 30 Skripte vorbereitet – und es kamen 100 Bauern! Das Interesse war überwältigend, und uns war sofort klar: Da liegt etwas in der Luft.

Seitdem sind die Seminare – vor allem in den Wintermonaten – ein zentraler Bestandteil meiner Arbeit geworden. Gemeinsam mit meiner späteren Kollegin Angela Lamminger haben wir über Jahre hinweg 1.000de Landwirtinnen und Landwirte geschult – in einem einzigen Winterhalbjahr waren es bis zu 2.000 Teilnehmende.

Inhaltlich geht es zunächst um grundlegende Fragen: Was ist Klassische Homöopathie? Wie funktioniert sie? Wie wird sie richtig angewendet und worauf muss man achten? Danach folgen spezialisierte Aufbauseminare zu konkreten Themen aus der Praxis: Geburtshilfe, Euterentzündungen, Fruchtbarkeitsprobleme, Kälberdurchfall und vieles mehr. Inzwischen bieten wir rund 30 verschiedene Seminartypen an, die aufeinander aufbauen. Unsere große Stärke sind die sehr sorgfältig erarbeiteten und laufend aktualisierten Unterlagen – oft über 100 Seiten pro Thema. Sie bieten den Teilnehmenden einen Leitfaden für die Praxis. Mein Buch „Klassische Homöopathie für Rinder“ wird in diesem Zusammenhang oft liebevoll als „die Bibel der Bauern“ bezeichnet – und ist tatsächlich das meistverkaufte Rinder-Fachbuch im gesamten deutschsprachigen Raum.

Unsere Seminare finden mittlerweile nicht nur in Deutschland (vor allem in Bayern), sondern auch in Österreich – teils sogar an Landwirtschaftsschulen –, in der Schweiz und in Südtirol statt. Was als kleine Initiative begann, ist heute ein großes Netzwerk aus Wissen, Erfahrung und echter Begeisterung für die Tiere geworden.

Welche Vorteile haben Landwirte, die ihre Tiere homöopathisch behandeln lassen?
Landwirtinnen und Landwirte, die mit Homöopathie arbeiten, erleben eine Vielzahl an Vorteilen – ökonomisch, gesundheitlich und auch im täglichen Umgang mit ihren Tieren. Ein wesentlicher Vorteil ist die Möglichkeit, frühzeitig und eigenständig auf Krankheitsanzeichen zu reagieren. Wer seine Tiere homöopathisch behandelt, entwickelt einen geschulten Blick und kann Beschwerden oft schon im Anfangsstadium erkennen und behandeln – bevor größere Ausfälle entstehen. Gerade in Regionen, in denen es heute einen spürbaren Mangel an Nutztierärzten gibt, ist das ein enormer Gewinn. Viele Landwirte sind dankbar, wenn sie nicht völlig hilflos sind, sondern sich selbst helfen können – zumindest solange, bis der Tierarzt kommt. Und nicht selten ist es so, dass sich das Tier durch die richtige homöopathische Behandlung so stabilisiert, dass eine tierärztliche Behandlung hinfällig wird.

Ein weiterer großer Pluspunkt: Homöopathie ermöglicht es, den Einsatz von Antibiotika deutlich zu reduzieren. Das ist besonders wichtig angesichts der wachsenden Problematik von Resistenzen. Gleichzeitig kann Homöopathie auch begleitend zur tierärztlichen Therapie eingesetzt werden, um die Selbstheilungskräfte zu stärken und die Wirkung konventioneller Mittel zu unterstützen. Finanziell lohnt sich der Einsatz ebenfalls: Homöopathische Arzneien sind kostengünstig und es entstehen keine Rückstände in Milch oder Fleisch. Spätestens, wenn der Steuerberater nach der nicht mehr vorhandenen Tierarztrechnung fragt, sind die Landwirte endgültig überzeugt.

Auch ökologisch ist der Einsatz homöopathischer Mittel sinnvoll. Der Chemieeinsatz wird reduziert, was sich positiv auf die Gülle und damit auch auf Boden und Umwelt auswirkt. Und vielleicht das Schönste: Die Beziehung zwischen Mensch und Tier verändert sich. Wer mit Homöopathie arbeitet, beobachtet anders, fühlt anders, entwickelt ein feineres Gespür. Viele Landwirte berichten, dass sie ihre Tiere ganz neu kennengelernt haben – und das spiegelt sich auch im Tierwohl wider. Gesunde, stabile und zufriedene Tiere – das ist letztlich der größte Erfolg.
 

Behandelst Du auch kleinere Haustiere? Und worin unterscheiden sich die Behandlungen im Vergleich zur Arbeit mit Nutztieren?
Nein, mittlerweile habe ich mich ganz auf die Arbeit mit Kühen spezialisiert. Es gibt so viele Tierarten, so viele unterschiedliche Krankheitsbilder – da war für mich irgendwann klar: Wenn ich wirklich in die Tiefe gehen möchte, dann braucht es eine Spezialisierung. Nur so kann ich eine Tierart in ihrer ganzen Komplexität wirklich erfassen und verstehen. Natürlich ist die Homöopathie grundsätzlich für alle Tiere geeignet – auch für Haustiere wie Hunde, Katzen oder Kaninchen. Gerade bei diesen Tieren kann Homöopathie sehr sanft und wirkungsvoll helfen. Aber ich persönlich habe meine Berufung bei den Rindern gefunden. Die Arbeit mit Nutztieren – insbesondere mit Kühen – ist sehr speziell. Sie sind Herdentiere, ihr Verhalten, ihre Körpersprache, auch ihre Reaktionen auf homöopathische Mittel sind ganz anders als bei Kleintieren. Hinzu kommt, dass in der Landwirtschaft auch wirtschaftliche Aspekte, Fruchtbarkeit, Milchleistung, Stallhygiene und viele weitere Faktoren eine wichtige Rolle spielen.

Was mir dabei besonders am Herzen liegt: Die Zusammenarbeit mit den Landwirtinnen und Landwirten macht mir große Freude. Es ist ein wertschätzender, oft sehr direkter Austausch – von Mensch zu Mensch, von Tierliebhaber zu Tierliebhaber. Und da ich selbst mit meiner Familie einen Milchviehbetrieb zu Hause führe, spreche ich in meinen Seminaren und Beratungen immer aus der Praxis. Ich weiß genau, wovon ich rede – das spüren die Menschen, und ich glaube, genau das macht den Erfolg aus.

Ich bewundere Kolleginnen und Kollegen, die mit Kleintieren arbeiten, aber mein Herz schlägt für die Kuh. Und da bleibe ich – mit ganzem Engagement und voller Überzeugung.

Hast du zum Abschluss noch ein konkretes Beispiel aus Deiner Praxis?
Vor drei Jahren wurde ich zu einem sehr großen Betrieb gerufen, da waren ca. 7.000 Kühe: eine große industrielle Landwirtschaft in Ostdeutschland. Die dortige Tierarztpraxis hatte mich kontaktiert, denn es wurden zu viele Antibiotika verbraucht. Kurz davor gab es einen Vorfall, als antibiotikahaltige Milch in die Abfüllung gelangt war. Der Verlust durch die zu vernichtende Milch und die Strafzahlungen betrug 500.000 Euro. Mein Auftrag war es, dafür zu sorgen, dass der Betrieb künftig auf Antibiotikum verzichten kann. Ich habe mit der Arbeit im Geburtsstall begonnen: Dort werden täglich 70 bis 80 Kälber geboren. Sie werden von etlichen Mitarbeitern in drei Schichten rund um die Uhr betreut. Ich habe kanisterweise Wasser mit Globuli mischen lassen, damit wurden die Kühe nach einem bestimmten Schema behandelt. Die Mitarbeiter gingen mit Sprühflaschen durch den Stall und sprühten das Globuliwasser auf die Nase der Tiere.

Nach drei Monaten kam die Rückmeldung, dass der Verbrauch an Antibiotika um 40 % gesenkt werden konnte. Die Kühe waren weniger gestresst und hatten weniger Euterentzündungen, der ganze Organismus war gesünder. Dadurch konnten die Medikamente eingespart werden.

Herzlichen Dank für diese beeindruckende Geschichte und vielen Dank für das Interview. Wir wünschen Dir und Deiner Kollegin weiterhin viel Erfolg bei der Behandlung der Nutztiere.

Das Gespräch zwischen Birgit Gnadl
und Melanie Schobert-Brühl fand im Rahmen der
Traunsteiner Homöopathie-Tage am 11. April 2025 statt.